Hey Signal, wir müssen reden

Als die EU mit dem Digital Markets Act (DMA) große Plattformen wie Meta dazu verpflichtet hat, sich ab 2024 für die Zusammenarbeit mit anderen Messengern zu öffnen, war das für mich ein echter Grund zur Freude.
 
Ich hatte kurz zuvor angefangen, Signal ernsthaft zu nutzen, und mein naives Ich ging davon aus: Bald werde ich auch mit denjenigen, die aus Bequemlichkeit nicht bereit sind, Signal zu installieren, zumindest über Umwege kommunizieren können.
 
Denkste. Der Netzwerkeffekt ist ein Ar***, der mich seit Jahren dazu bringt, WhatsApp auf meinem Telefon zu behalten.
 
Gut zwei Jahre später, Anfang 2026, ist diese Interoperabilität immer noch keine gelebte Realität. Und das liegt nicht an fehlender Umsetzung von WhatsApp – Meta hat tatsächlich geliefert: Im November 2025 startete WhatsApp in Europa erste Interoperabilitäts-Tests mit den Messengern BirdyChat und Haiket. Der Rollout für weitere Apps soll folgen. Das Problem sitzt woanders: Es fehlt der Wille von Signal, Threema und Co., sich überhaupt zu beteiligen.
 
Das Paradoxe daran: Der DMA zwingt die Großen, sich für die Kleinen zu öffnen – aber die Kleinen werden nicht gezwungen, das Angebot anzunehmen. Aus rechtlicher Sicht ist das in Ordnung, da Signal und Threema die Gatekeeper-Schwelle des DMA nicht erreichen. Aus Nutzerperspektive ist es trotzdem frustrierend.
 
Besonders skurril wird es, wenn man sich ansieht, was technisch unter der Haube steckt: WhatsApp setzt seit 2016 auf das Signal-Protokoll zur Ende-zu-Ende-Verschlüsselung – dasselbe Protokoll, das Signal selbst entwickelt hat. Sicher, Datenschutz und Privatsphäre lassen sich nicht auf ein Verschlüsselungsprotokoll reduzieren. Aber an fehlender technischer Kompatibilität auf der Protokollebene kann die Ablehnung jedenfalls nicht liegen.
 
Ich zolle Signal Respekt. Ich liebe die App, nutze sie täglich, und ich freue mich, dass Sicherheit und Privatsphäre dort keine Kompromissthemen sind. Aber mal ehrlich: Wäre Interoperabilität nicht genau die Chance, denjenigen, die es möchten, eine echte Alternative zu bieten? Bequemlichkeit und Netzwerkeffekt wären keine Argumente mehr – wer Signal nutzen will, könnte es tun, ohne auf Kontakte verzichten zu müssen, die bei WhatsApp bleiben. Niemand würde gezwungen, Nachrichten an WhatsApp-Nutzer zu senden.
 
Die Frage der Messenger-Wahl wird umso drängender, je mehr Nutzerdaten von den großen Plattformen zum Training ihrer KI-Modelle gesammelt und ausgewertet werden. Wer weiß schon, wo die Reise hingeht? Echte Alternativen sind also wichtiger denn je.
 
Ich wünsche mir eine Welt, in der ich die App eines großen Anbieters löschen kann und trotzdem erreichbar bleibe – auch wenn das bedeutet, dass gelegentlich Nachrichten über deren Infrastruktur laufen (läuft darüber nicht ohnehin das halbe Internet?). Es wäre so einfach, wenn Nachrichten zwischen Messengern so selbstverständlich funktionieren würden wie SMS – plattformunabhängig. 
 
Solange Signal, Threema und Co. an ihrer Entscheidung festhalten, wird am Ende nur einer wirklich davon profitieren: die großen Plattformen, die ohnehin schon schwer zu verdrängen sind.